Unterwegs verloren gegangen
von Jill Dorn
Eine Großstadt im sonnigen Süden Deutschlands. Ein baumreiches, friedliches Wohnquartier. Eine Wohnung im vierten Stock. Hedwig und Morgane haben Streit. Und irgendwann, weit nach Mitternacht, steigt Morgane über die Balustrade ihres Balkons und hält sich zuerst mit beiden Händen, dann aber nur noch mit einer Hand fest, wirbelt mit der anderen mir winkend zu und ruft: „Guck mal Hedwig, ich springe. Ich springe. Ich springe...“
Da ist es um Hedwig geschehen. In dem Moment sei etwas in ihr passiert, wie sie mir sagt. Da habe sich etwas geändert, grundlegend, was sie nicht mehr zurücknehmen konnte.
Es ging nicht. Erst viel später ist ihr das klar geworden.
Das ist lange her. Irgendwann Anfang der 2000er Jahre. An den Abend erinnert sich Hedwig nicht mehr en Detail. Sie hatten beide getrunken, und zwar nicht wenig. Waren betrunken. Es eskalierte, eins gab das andere und dann kletterte Morgane über dieses Balkongeländer.
Morgane lebt nach wie vor dort. Hedwig zog hingegen weg. Weit weg. Sie kann sich auch nicht mehr erinnern, wie lange es dauerte, bis sie sich trennten – wie sie mir erzählt. Was sie aber sehr wohl wieder herholen kann, ist, dass die Spanne, bis die beiden ihre Beziehung auflösten – im Rückblick betrachtet – sich völlig anders anfühlte als ihre gemeinsame Zeit davor.
Aber ihr gelingt es spielend, die Angst zurückzuholen, die sie damals ergriff. Nicht, dass sie ernsthaft glaubte, Morgane würde loslassen und springen. Das war es nicht. Es war eher die Panik, dass sie verunfallte – schließlich waren sie beide schlichtweg betrunken.
Was Hedwig mir anschließend berichtet, lässt mich erst einmal sprachlos zurück: Die unendliche Starre wechselte sich ab mit einem endlosen Gedankenkarussell über die Frage, warum Morgane das sich und ihnen das antat! Hedwig fühlte sich schuldig – beteiligt zu sein auf der einen Seite. Andererseits verlor sie die Fassung. Fassungslos war sie und zutiefst enttäuscht. Ihre wichtigste Frage: Hatte sich Hedwig so getäuscht in ihrer Partnerin, dass sie doch in der Lagesein könnte, sich umzubringen? Und was war mit der unerklärlichen Aktion im Dachzimmer ein paar Wochen zuvor, als Hedwig den Strick sah, den Morgane da bastelte? Auch diese Begebenheit hatte sie völlig verdrängt. War unfähig damit umzugehen. Konsequenzen zu ziehen. Die Botschaft lautete eher: „Wegen Dir...!“
Das war ihr urvertraut. Das war das Einfallstor in „antike Zeiten“, wie Hedwig ihre eigene Kindheit und ihre gelernten Muster gerne nennt.
„Montag, 21. April 1975. Mutti hat gesagt, dass sie am liebsten sterben will. Sie hat Angst vor der Zukunft, weil derBenedikt sechs Bonbons gegessen hat, und sie meint, wenn wir sechs Bonbons essen, dass wir davon süchtig werden.“
Da war sie – die unheilvolle Verbindung. Morgane wusste sehr wohl davon. Wie konnte sie nur so etwas tun, da sie doch so genau wusste, was Hedwigs späte Kindheit und gesamte Jugend hindurch immer wieder begleitet hatte?
„Dienstag, 17. Juni 1975. Als der Streit war, sagte die Mutti, sie sei dumm und sie wollte ins Irrenhaus, und sie suchte Gründe, um in das Irrenhaus zu kommen. Jetzt ist sie etwas anders als früher.“
Diese Sätze schneiden nach wie vor scharf – Hedwig kann spielend aus ihrem Tagebuch zitieren... Und Fragen über Fragen, die sie sich unentwegt stellte, schließen sich an: Warum bekam sie die Bande nicht gelöst? Was war ihr gemeinsamer Nenner? Diese Frage rief nach einer Antwort, die sie sich erst einmal nicht geben konnte. Die Hedwig lange bewegte, aber eher einschloss als löste. Und sich unweigerlich wieder anschloss an damals, Sommer 1981, als Hedwigs Mutter ernsthaft zu ihr sagte: „Gestern haben wir gemeinsam überlegt, uns umzubringen – wegen Dir.“ Wie war das nur möglich? Hedwig war doch nur ausgezogen vor dem Abitur...
Morgane war Hedwigs große Liebe. Nie zuvor konnte ich sie sich vorstellen, ein Kind auszutragen. Mit Morgane kam ihr dieser Gedanke umgehend, nachdem sie ein Paar wurden.
Nie hätten sie sich kennengelernt, hätte Hedwig sich nicht an einen Wunschjob zur Zeit ihres Studiums in Hamburg erinnert. Damals beneidete sie jeden Kommilitonen, der es schaffte, einen Aushilfstätigkeit bei der Post zu ergattern. Die waren verdammt gut bezahlt im Vergleich zu anderen Studentenjobs. Schließlich finanzierte sie sich ihr Studium damals selbst. Sie lehnte es ab, von ihren Eltern Geld zu bekommen. Denn Hedwig hatte sich eine Auszeit von Kontakt zu ihrer Familie genommen und fand es nur fair, unter diesen Umständen auf eine Unterstützung zu verzichten. Es dauerte eine Weile, bis ihre Eltern die Überweisungen an sie auch einstellten, wie sie mir erzählt.
Und dann gerät Hedwig – im Gespräch mit mir umgehend – schwerelos ins Schwärmen: Immer wieder stellte sie sich vor, wie schön es sein muss, Briefe zu überbringen. Persönliche Briefe, mit der Hand geschriebene Briefe, vielleicht ja auch – Liebesbriefe. Und in der Zeit nach ihrem Studium, ohne Stelle, aber mit dem Selbstverständnis einer Künstlerin ausgestattet, heuerte sie also bei der Post an. Sie bekam prompt die Urlaubsvertretung als Briefträgerin im nahegelegenen Kurort. Es schien perfekt: Unweit vom Bahnhof wohnend nahm sie jeden Morgen den Zug um kurz nach halb sechs Uhr für rund zwanzig Minuten, sprang rüber zum Postamt, sortierte die Post und schwang sich aufs Fahrrad – Briefe austragen im Kurgebiet. Gegen 13 Uhr war sie – wenn sie schnell war – wieder zuhause, legte sich hin und widmete sich nachmittags ihrer Kunst.
Auf Hedwigs Strecke im Kurpark hatte Morgane einen kleinen Laden für Heim- und Geschenkartikel, diese zauberhafte Chabine, wie auf den Antillen die Frauen genannt werden, die eine Mischung sind aus schwarzem Vater und einer weißen Mutter. Hedwig brachte ihr die Post. Und ging allmählich dazu über, regelmäßig eine Pause einzulegen draußen beim Café nebenan. Morgane gesellte sich zu ihr. Sie kamen ins Gespräch.
Ja, – und Hedwig fing an, ihr Postkarten zu schreiben. Anonym. Einfach ein Gruß. Ein kurzes Gedicht. Ein Wink unterzeichnet von einer namenlosen Bekannten. Und Morgane begann umgekehrt, als Hedwig den Bezirk wechselnmusste, sie mit ihrem Auto aufzusuchen auf ihrer morgendlichen Tour, um ihr ein Croissant vorbeizubringen.
Dann stand es an: Das erste Treffen, um eine Wette einzulösen. Morganes langjährige Freundin, die im Kurcaféarbeitete, hatte Hedwig herausgefordert mit den Worten: „Morgane hat eine Geschichte, die können Sie nicht übertreffen! Sie ist so schlimm, so etwas haben Sie ganz sicher nicht erlebt!“ Was für eine Ansage. Hedwig hielt spontan dagegen, wie sie ganz aufgeregt berichtet. Na – und so galt es nun, sich gegenseitig aus ihren Leben zu erzählen, um festzustellen, wer von den beiden denn das noch Unerträglichere ertragen musste... Hedwig unterbricht ihre Geschichte und gesteht mir, dass dies immer wieder der Moment sei, in dem sie eine tiefe Scham ergreift. Ich spüre sie.
Und Hedwig spricht weiter, während ich immer stiller werde... Zweifelsfrei – so hat sie es damals empfunden und beurteilt es noch heute ebenso: Morgane habe definitiv das bedeutsamere Drama erleben müssen! Vor Morganes Freundin einigten sie jedoch darauf, zu sagen: „Einstand. Unentschieden.“
Aber in Wahrheit fühlte eben Hedwig mitnichten so. Das beschäftigt sie nach wie vor. Für sie hatte Morgane eindeutig gewonnen. Was ihre damalige Freundin erleiden musste – ohne mir auch nur ein einziges Detail zu offenbaren –, sprengte jedwede ihrer bisherigen Vorstellungen, wie ein Mensch das überhaupt überleben konnte! Selbstverständlich kamen – wie sie nicht aufhört zu betonen – im Laufe der Jahre ihrer Beziehung neue alte Erinnerungen an schrecklichste Erlebnisse hinzu, die Hedwig bis heute schier die Luft zum Atmen nehmen.
„Sonntag, 20. September 1975. Vati kam soeben rein und hat sich wegen gestern entschuldigt. (nur für das Anschreien und nicht für das Prügeln). Ich ja auch egal, aber für mich ist noch nicht alles wieder so, wie es früher war. Mutti ist klein geworden (spricht verängstlich), für mich ist es auch nicht leicht, aber die arme Mutti. Arme Mutti.“ Dies ist x-mal unterstrichen, wie ich sehe, denn Hedwig hält mir nun die aufgeschlagene Seite ihres damaligen Tagebuchs hin. Ich entdecke ein winziges Häckchen ganz unten auf der Seite und lese noch: „und ich bin auch etwas verängstlich(klein).“
„Ich ja auch egal.“ Was für ein Schreibfehler eines zwölfjährigen Mädchens, das anfing Tagebuch zu schreiben. Vor allem: Was für eine Täuschung!
Aus heutiger Perspektive betrachtet – wie meine Freundin betonen würde.
Auch wenn Hedwig die Sorge hin und wieder begleitet, sie könnte mitverantwortlich sein für das Leid und den vermeintlichen Tod anderer Menschen. Aber seither habe sie sich immer wieder einmal getraut im übertragenen Sinneüber Balustraden zu steigen, über diesen Schatten zu springen und Dinge zu tun, die sie nur für sich tue, die ihr guttun, die sie freuen und nähren – auch auf die Gefahr hin von Verlusten.
Das freut mich ungemein, und ich werde ein kleinwenig mit auf sie aufpassen, dass ihr das immer öfter auch gelingt. Und: Ich hoffe natürlich inständig, dass es Morgane dort unten gut geht in diesem Sommer 2020.
Sommer 2020