Warum heißt die Sternstunde bloß Sternstunde? Geht es tatsächlich um 60 Minuten tief empfundenes Glück, das nach dieser definierten Zeit verflogen ist? Kaum vorstellbar. Oder markieren Sternstunden ausschließlich Wendepunkte und stehen somit als Metapher wirklich nur für „Entscheidungen, Taten oder Ereignisse, die schicksalhaft die Zukunft beeinflussen“? Für mich ist das wiederum viel zu groß. In die Irre führend. Fremd. 

Und weiter heißt es auf Wikipedia: „Entlehnt ist der Begriff der Astrologie, die postuliert, der Stand der Sterne zum Zeitpunkt der Geburt bestimme wesentlich den weiteren Lebensweg.“  

Umgehend lande ich bei meiner Großtante Leonie, 1904 geboren, die sich der psychologischen Astrologie nach J.G. Jung verschrieben hatte und jedwedes Familienmitglied mit Geburtshoroskopen und ihren Deutungen versah. So wurde auch meine Mutter bedacht – jeweils zeitnah nach den Geburten ihrer drei Kinder. Und Leonies Schwester Hedwig, die Mutter meiner Mutter, nähte für jeden von uns Lätzchen, von ihr zudem künstlerisch bestickt mit bunten Devotionalien der vorausgesagten Berufe. Für Ulrich war es der Priester, bei Martin ein Arzt, und mir wurde die Juristerei zugeschrieben... Nicht unbedingt Sternstunden für Kinder mit Schlabberlatz. Meine Astrologietante jedoch wurde zu einer wichtigen Zeugin in meiner Jugend – und als ich nach ihrem Tod das Manuskript ihres Briefes an meine Mutter fand, in dem sie für meine Individualität wirbt, war das in der Tat eine Sternstunde. 

Zurück zum weltumspannenden Online-Lexikon: Es wird Stefan Zweig zu seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“, einer Sammlung essayistischer Erzählungen, zitiert: „Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. Ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen.“ 

So sehr ich den bekannten österreichischen Autor schätze, so möchte ich ihm hier entschieden widersprechen: Sternstunden lauern laut meiner Definition unzählbar oft und sind selbst wiederholt noch glitzern; diese Sternstunden, die ich im Sinn habe, funkeln denkbar täglich.  

So zum Beispiel in meinem letzten Kurzurlaub: Voller Vorfreude betrete ich eine bestimmte Käserei, um mich – wie jedes Mal immer nur dort – für die kommenden Tage mit ihren regional herzhaftesten Bergkäsesorten und der einmaligen Landjägerwurst einzudecken. Solche Hartwürste hängen in der Regel paarweise hübsch aufgereiht an den Wänden und werden als Doppel verkauft. „Kann ich nur eine Wurst haben, zwei sind mir zu viel, denn ich bin dieses Jahr alleine hier“, frage ich ihn. Wider seiner Gewohnheit entschließt er sich, das Wurstpaar zu trennen. Eine packt er mir zum Käse, die andere legt er zur Seite und meint: „Das ist die Wurst jetzt auch.“ Nach diesem Satz brauche ich ein paar Sekunden wie diese zauberhaften Synkopen in der Musik, die das gewohnte Hörmuster aufbrechen. Danach lachen wir zusammen über Minuten... das war so eine Sternstunde.  

Auch auf der Suche nach Synonymen für „Sternstunde“ werde ich zwar selbstverständlich fündig, aber alles andere als glücklich. „Krönung, Höhepunkt, Highlight, Vollendung, Glanzpunkt, Glanzleistung, Kulmination, Gipfel, Spitze, Spitzenleistung, großer Moment und Nonplusultra“ werden synchron in den verschiedensten Nachschlagewerken angeboten. Sie lassen mich kalt zurück.  

Meine Sternstunden sind leiser, viel herzschmeichelnder und vermeintlich unaufgeregter. Und, sie haben aber auch gar nichts mit Leistung und Meisterschaft zu tun, finden nicht in der Höhe statt, sondern tief in meiner Seele. Sie erden mich und zeitgleich beflügeln sie meine Sinne. Es sind diese reichen, kleinen Lichtmomente, die nicht nach außen glänzen, sondern nach innen strahlen. Augenblicke, die ich unbewusst vorbereitete oder die wie eine Sternschnuppe hereinschneien und dir einen Wunsch erfüllen, den du vielleicht noch nicht einmal ausgesprochen hast.  

Manche Sternstunden gehören erst einmal nur mir. Sie schimmern zu zart, als dass ich darüber Vertrauten gegenüber sprechen kann: die getroffene Entscheidung, sich endlich zu trennen. Ein erlösender Gedanke im Halbschlaf. Die zündende Idee, ein Problem zu lösen, unter der Dusche. Der Rat, der sitzt und dem du unwidersprochen folgen möchtest. Der tröstende, treffende Satz, der dich einlädt – zum Schmunzeln. Oder: Du fühlst irgendwann eindeutig, es ist etwas heil geworden, nicht plötzlich, sondern über einen Zeitraum von Jahren... diese Empfindung zählt zu den göttlichen Sternstunden.  

Und all die wiederkehrend zugewandten Gesten, diese einfachen und größeren Geschenke, der ungefragte Beistand, die bedingungslose Unterstützung von Freunden und durchaus auch für Freunde, gemeinsam geweinte wie gelachte Tränen: Was sollten sie anderes sein als Sternstunden! 

Lesend erlebte Sternstunden mit Büchern... Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Rainer Maria Rilke, Rose Ausländer, Erich Fried, Ingeborg Bachmann, Hilde Domin und so viele mehr hinterließen uns mit ihren Gedichten fürwahr Fixsterne; Konzerte von Leonard Cohen, Yehudi Menuhin, Igor Levit, Patti Smith, Joan Baez und weiteren Musikern – ein ganzes Repertoire schmausender Stunden.  

Ja, ich betreibe sogar regelrecht Rituale von Sternstunden und werde nie aufhören, von ihnen zu schwärmen: Früh morgens im Meer zu baden, sich still hinzusetzen und Sonnenuntergang schauen. Alljährlich die Begegnung mit Trudi, so habe ich die Fledermaus getauft, die mich sommerlang zur Dämmerung besucht. Und ich verspreche, jedes Spargelessen beschert mir eine Sternstunde, und die gibt‘s bei mir mitunter dreimal die Woche zur Saison.  

Einige Sternstunden sind klar als solche erkennbar in dem Augenblick, in dem sie geschehen, während wiederum andere sich erst im Rückblick als solche identifizieren lassen. Beispielsweise, wenn der Fremde, den du im Zug in ein kurzes Gespräch verwickelt hattest, zu deinem Herzensfreund wird, mit dem du deinen Alltag teilst und mit dem du mittlerweile wunderbare Reisen unternommen hast. Oder die unbekannte Leidensgenossin in der Klinik, mit der du fortan dicke befreundet bist und ungezählt gesundende Stunden verlebst.  

Zugegeben, es gibt sie auch in meinem Leben, diese firmamentfüllenden Sterne über Stunden. Bei mir betreffen sie den Beginn und den Abschied von Leben.  
In den letzten Stunden auf der Intensivstation, bevor meine Mutter starb, erlebte ich eine vielleicht halbstündige Zeit von schier unfassbarer Leichtigkeit. Es war, als ob mein Körper schweben könnte, so schwerelos fühlte er sich an. Ich stellte mir damals vor, dass dies nur Mönchen vergönnt sei, die sich lebenslang in Meditation üben. Bei mir war es vermutlich der Zeitpunkt, in dem meine Mutter vollends losließ – sei es von mir, sei es von ihrem Leben... was immer es war, wahr ist, dass es mystisch war. Genauso, wie der Augenblick, als ich nach Tagen im Bestattungsinstitut meiner verstorbenen Mutter ihre Perlohrringe anlegte – sie fühlte sich ohne sie immer so nackt – und mir war, als ob sie gleichzeitig ihre Hand sanft auf meine Schulter legte.  
In den Minuten hingegen, in dem meine Mutter tatsächlich hinübertrat, strahlten ihre Augen einzigartig, unwiderruflich hinter ihren verschlossenen Augen über ihr ganzes Gesicht. Unverkennbar war, dass sie etwas WunderWunderSchönes sah, dem sie da entgegenging. Dieser Augenblick hat mein Leben verändert. Definitiv. Wenn ich davon erzähle, flammt sanft alles in mir. Ich bezeichne ihn trotzdem nicht eine Sternstunde, erst recht nicht als „meine Sternstunde“. Dass ich diesen Übergang beobachten durfte und bezeugen kann, ist unantastbar, heilig, und meine Worte reichen nicht hin, um zu beschreiben, wie dankbar ich bin.  

Und da ist das Ereignis einer Geburt, die ich begleiten durfte als selbst kinderlos gebliebener Frau. Über zwanzig Jahre habe ich diesen einen meiner sehnlichsten Wünsche nicht losgelassen und immer wieder an seiner Erfüllung gearbeitet. Im Sommer 2011 war es so weit: Mit meiner Cousinenfreundin Ela, die als leidenschaftliche Hebamme in Frankfurt arbeitet, erlebte ich das Wunder einer Geburt. Danach war ich nicht von dieser Welt – für Tage. Davon zu erzählen, füllt nach wie vor wortreiche Abende und sprengt jedweden Artikel. 

Es werden uns unbegrenzt viele „Sternstunden“ geschenkt, wenn das Herz, die Augen und Ohren weit geöffnet sind, und wir uns trauen, uns verwundbar zu halten. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass sie Vergangenes überglänzen oder einen Wendepunkt markieren müssen. Sie gehören einfach als bereichernde Momente dazu – wie diese: Ein Schmetterling verfolgt dich unaufhörlich über mehrere Kilometer beim Wandern; es ruft jemand spontan an oder klingelt sogar unverhofft an deiner Türe in einer deiner dunklen Stunden, und du dachtest zeitgleich vielleicht sogar an eben jenen dir vertrauten Menschen, trautest dich aber nicht, selbst anzuklopfen; du hörst spielenden Kindern zu, die plötzlich lauthals im Hochsommer „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind...“ anstimmen; du machst Rast auf einem Berg, genießt die Aussicht und entdeckst den schwebenden Tanz von Mauerseglern oder den beindruckenden Wechsel von Segel- zu Sturz- und wieder zu Segelflug mithilfe thermischer Winde von Bussarden und mit ganz viel Glück einen Steinadler; dir gelingt ein wahres Gedicht, das deinem eigenen kritischen Urteil standhält, und das erstaunte Herz fragt beschwingt: „Wer hat das bloß geschrieben?“ 

Und erst diese intimen Sternstunden: Die erste Chance, die du beherzt ergreifst, in der deine Hand vermeintlich zufällig und schüchtern die Hand der Person streift, in die du dich unsterblich verliebt hast, und die wiederum keine Nanosekunde daran denkt, ihre Hand wegzuziehen, sondern ebenso unsicher ein paar Minuten später flüchtig dein Knie berührt. Unvergesslich natürlich der erste, zweite, dritte, 388te Kuss... nicht, dass ich Küsse zählen würde, aber ich erinnere sie gänsehäutig gern.  

All das sind für mich jene stellaren Lichtblicke, beim Schopfe gepackte wie beschenkte Gelegenheiten und Begebenheiten voller Wunder, die für mich Sterne sind – nicht nur für Stunden, sondern für Tage, Jahre, fürs Leben und für Geschichten übers Leben. Ganz im Sinne des über alles geliebten, weisen Protagonisten des weltberühmten, von Antoine de Saint-Exupéry geschriebenen Buchs. Der kleine Prinz ist so viel klüger als jegliches Lexikon dieser Welt: „Du wirst in der Nacht die Sterne betrachten. Mein Stern ist zu klein, um ihn dir zeigen zu können. Es ist besser so. Mein Stern wird für dich einer dieser Sterne sein. So wirst du alle Sterne gern betrachten... sie werden alle deine Freunde sein.“