Warum in Gottes Namen rede ich meine Sätze so oft nicht zu Ende? Und fast gleichzeitig erinnere ich mich, wie mir in der Vergangenheit wiederholt rückgemeldet wurde, wie anstrengend es für meine Zuhörer ist, dass ich das tue. Und es beginnt sich eine dreifach Scham in meinem Körper auszubreiten, sodass er umgehend – auch das würde ich am liebsten innerlich nicht zu Ende reden – schmerzt. Warum also ist das so? Und was hat spontan geschrieben Gottes Namen damit zu tun? Verdammt noch mal. Jetzt bin ich wütend – und wie! – auf mich. Schon wieder haue ich ab, statt eine Antwort auf die Frage zu finden; mein Kopf streikt noch, weil er zu viel, zu schnell und damit gar nicht denkt.
Von wegen, der Kopf sei rund, um in alle Richtungen und immer wieder anders denken zu können. Ja sicher, aber manches Mal ist dies eben alles andere als hilfreich, sondern blockierend. Zugegeben, es macht verdammt viel Freude, das Denken, das fließende Dösgedankenkommenlassen sowie das fokussierte, spitze, messerscharfe Hinterfragen. Aber jetzt lähmt es mich. Nochmal: Warum rede ich meine Sätze nicht zu Ende? Falsche Rücksichtnahme. Ich habe Sorge zu viel Raum einzunehmen im Gespräch. Das war immer eine meiner früheren Antworten auf diese Frage, die heute aus gegebenem Anlass wieder einmal massiv vor mir steht und einfach nicht ausweichen möchte. Auf keinen Fall. Indem ich mir den Raum zum in der Regel hoch emotionalen Reden nicht nahm, in der Annahme, dass es vielleicht eine Zumutung sein könnte, bekam ich prompt als Antwort: es ist eine Zumutung. Was mich übrigens nicht unbedingt dazu ermutigte, mir den Raum zu nehmen; vielmehr begriff da etwas in mir es als Bestätigung. Also: eine geschickte selbsterfüllende Prophezeiung – von mir kreiert. Das ist lange her; heute sind die Menschen höflicher und ermahnen mich nicht mehr...
Und jetzt meine ich, liege die Antwort glasklar wie eine hellsichtige Murmel vor mir und sagt: "Du schützt nicht die anderen, du schützt dich selbst – aber auf Kosten von dir selbst und anderen! Du konfrontierst dich selbst als Zumutung und holst sie zu dir in doppelter Abwertung." Und in der eigenen Wertung bin ich weiterhin nicht wirklich berührt – weder von meiner Scham noch von dem, was unausgesprochen bleibt, und die Murmel mutiert in einen Felsbrocken – Umweg ausgeschlossen.
Also noch einmal: Warum rede ich manchmal meine Sätze nicht zu Ende? Erinnerungen steigen auf an festgelegte Redezeiten per Stoppuhr zu Familientisch, egal, ob sich da etwas Dringliches mitteilen wollte oder von anderen etwas Banales; schlechte Noten zeitenweise ausgerechnet in Deutsch bei der doch eigentlich so lernleichten Schülerin, die zeitgleich davon träumte, ausgerechnet Lehrerin in Brooklyn zu werden oder Auslandskorrespondentin oder Autorin... was für ein Unsinn, was für ein Anachronismus!
Ich merke, ich hab‘s immer noch nicht! Also, es quält vermutlich jetzt nicht nur mich, sondern auch schon jede/n Leser*in, oder – was ich für unwahrscheinlich halte – er wird neugierig, welche Antwort sich ENDLICH einstellt, der ich mir doch jetzt schon wieder so viel Raum mit Wörtern genommen habe, die ihr Ziel verfehlen. Selbst meine Parenthesen sind Ablenkungs- wie Abwertungsmanöver par excellence! Vielleicht jetzt: Ich sollte erst einmal in mir lauter werden, damit ich mir selbst zuhöre; mich darin üben dürfen, diesem ungelenken, scheuen, aber gleichzeitig so übervollen, lebendigen und freien Mädchen diesen Raum geben. Und ich werde vermutlich überrascht sein, was es mir sagen und ich damit eigentlich sagen möchte. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, dass es in mir ganz andere Gedanken und Wünsche mitteilen wird – in treffenderen – weil gefühlsnahen Sätzen, als ich jetzt wissen kann, aber das Wissen, dass es so sein wird, spüre ich wiederum wohligdeutlich in meinem Körper. Die Scham weicht.
P.S.: Vorhin schrieb ich von doppelter Abwertung– indem ich nun darüber öffentlich schreibe, könnte es jetzt zu einer von mir nicht zu kontrollierenden weiteren Entwertung führen. Nämlich durch die mir unbekannte Leserinnenschaft dieses Blogartikels. Das Risiko nehme ich jetzt bewusst in Kauf. Und die letzte Scham behalte ich nun für mich – nicht im Sinne von bewahren, sondern vielmehr als persönliche Spur und im Wissen, auf dem Weg zu sein.
P.P.S.: Und was in Gottes Namen damit zu tun hat, werde ich vielleicht in einem nächsten oder übernächsten Beitrag klären.