Vor 13 Jahren lagst du im Krankenhaus und hast dich am Unterleib operieren lassen müssen. Der konkrete Eingriff ist lange her; die Umstände dagegen sehr präsent. Was hat sich ereignet? Deine Myome sind binnen we­niger Wochen explodiert. Das größte ist an­gewachsen auf den Umfang einer Grapefruit. Und dann begegnest du diesem sensiblen Pro­fessor, der deine grenzenlose Angst vor der OP weder verharmlost noch entwertet, weder dramatisiert noch pathologisiert. Nein, im Gegenteil. Er schafft eine einzigartige, außergewöhnliche Situation für dich – über das Glück im Unglück hinaus, das du ohnehin hast, denn du erfährst, dass er als Chirurg sogar von Frauen aus dem Ausland aufgesucht wird. 

Er ordnet eine ‚intime‘ Operation an zusam­men mit seiner Oberärztin – ohne Studierende, auch wenn diese OP, die lange dauert, weil er mit seinen Zauberhänden auf einen Bauch­schnitt verzichtet, durchaus von wertvollem, medizinischen Interesse ist. Er geht sogar hin – und das bleibt dir für ewig in Erin­nerung – und veranlasst, dich in angewärmte Laken zu hüllen auf dem Weg in den Opera­tionssaal. Du sollst nicht frieren. Was für ein Geschenk!

Und dann noch dies. Dir wird erzählt, spä­ter, als du wieder einigermaßen ansprechbar bist, was zusätzlich passiert ist. Neben dir sitzt im Aufwachraum nämlich diese Kranken­schwester, streichelt deinen Arm und hat Tränen in den Augen. „Was ist mit Ihnen?“, fragst du sie besorgt, weil du gar nicht verstehst, was los ist, und Panik steigt in dir auf. Sie beruhigt dich umgehend und teilt dir mit, dass du zuvor immer wieder aufstehen wolltest und es schwierig war, dich davon abzuhalten. Dass man sich um dich kümmere, dafür sei sie schließlich da. Denn du hast zuvor auf die unterschiedlichste Art und Weise immer wieder neue Gründe gefunden, ihr und ihren Kolleginnen nicht zur Last zu fallen. „Ich müsste mal auf Toilette. Sie brauchen mir nicht zu helfen. Sie haben schon genug Arbeit, und ich bin eine Zumu­tung für Sie.“ So und ähnlich solltst du immer und immer wieder gesprochen haben, hast dich un­entwegt aufgerichtet und losgerissen, um loszumarschieren ...

Durchgangssyndrom nennt man dieses Phäno­men, das sich entwickeln kann als Folge einer Operation aufgrund der Narkose. Der Betroffene kann sich nicht erinnern, und die Episode selbst ist nur von kurzer Dauer, so lange, bis man wieder vollständig wach ist.

Das alles hat dich schwer beeindruckt und bringt dich dazu, immer wieder einmal noch Jahre danach zu staunen und gleichzeitig ganz still zu werden. 

Aber entscheidend ist, welche Reise du mitt­lerweile unternommen hast. Oder soll ich sa­gen, welche Reise es genommen hat?

Neun Jahre nach dieser Operation ist bei dir im April 2016 eine weitere Operation nötig: Sigmaresektion. Sie müssen dir rund dreißig Zentimeter Dickdarm entfernen. Ein Darmver­schluss droht. Jahrelange, rezidivierende Divertikulitis, diese Ausstülpungen der Schleimhaut, die sich immer wieder entzün­den, haben deinen Darm verklebt. Auch hier begegnest du einem über die Stadtgrenzen hinaus angesehenen Chefarzt, der dich per­sönlich operiert, obwohl du nicht privat­versichert bist, aber dein Hausarzt hat dich ihm besonders ans Herz gelegt. Wieder hast du Glück, dass alles gut verläuft. Du bist zwar unsäglich erschöpft und wirst schwach auf den Beinen entlassen, aber schon bald kannst du deine heiß geliebten, langgedehn­ten Wanderungen unternehmen. Du hast Kraft für so vieles und Jakobswege rufen.

Auch nach dieser Operation hast du erneut ein Durchgangssyndrom.

„Bitte nicht gehen, nicht gehen. Bitte – nicht gehen. Bitte nicht gehen!“ Dieser ein­dringliche Wunsch, den du offensichtlich viele Male wiederholt hast, gilt deinem Her­zensfreund, der nach der OP in deinem Zimmer sitzt, über dich wacht und einfach nur da ist. Du möchtest, dass er bleibt. Ja, dass er dir noch eine Weile Gesellschaft leistet, damit du dich nicht so allein fühlen musst mit deinen Schmerzen. Und du hörst oder ir­gendetwas in dir hört immer wieder: „Ja, ich bleibe gern. Ich gehe nicht weg. Ich ver­spreche dir, ich bleibe. Ich bleibe hier bei dir.“

Das zumindest wird dir wieder einmal nur er­zählt, weil du dich nur ganz schwach erin­nerst. Besser: Du erinnerst dich lediglich leise an diesen einen Moment, in dem eine Krankenschwester genau diese deine Bitte mit anhört, wieder hier von dir berührt ist und deinem Besuch gewährt, bleiben zu dürfen wi­der jedwede offizielle Besuchszeit.

Ja, so war das und damit hat sich etwas ganz Großes, Wunderbares ereignet.

Auf diesen Augenblick kannst du immer wieder zurückschauen, dir deine Traute herholen und dein Wagnis würdigen. Du hast mit diesem Wunsch das kränkende Umfeld in der Tiefe deines Unterbewussten schließlich verlas­sen. Du hast das Land der Entwertungen über­schritten und hast dich selbst nicht mehr gewertet. Hast dich ganz offensichtlich in keiner Faser deines Körpers und deines Her­zens schuldig gefühlt, dich nicht verant­wortlich gemacht für die Misere. Für dein vermeintliches Missgeschick. Für deine an­geblichen Fehler. Vor allem: Du hast dich deiner Feinfühligkeit nicht geschämt und keineswegs mehr versucht, sie selbst als Kränkung zu werten.

Ob es dir hilft bei einer wohlmöglich er­neuten OP, wenn sie ansteht?

Das bleibt fraglich, aber das ist dir be­wusst. Die panische Angst vor einer Voll­narkose gehört eben zu dir und reicht auch hin zu deinen Freunden, wenn sie sich ope­rieren lassen müssen. Aber, weißt du was? Du kannst dich erinnern. Jederzeit. Denn das, was dir für immer bleibt, ist die Gewissheit: Es gibt sie, die Menschen, die nicht weggehen. Die bleiben, weil sie aus freien Stücken bleiben wollen. Es kommt ihnen gar nichts anderes in den Sinn. Es ist okay, wie es ist. Du bist okay, wie du bist.