Klartext gegen die Ohnmacht
von Bettina Dornberg – Erstveröffentlichung am 1. April 2026 im Newsletter von https://identitaetsstifter.com
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und unser Gehirn liebt Kohärenz. Wir neigen dazu, uns schnell anzupassen und an etwas zu gewönnen, selbst wenn es unseren Werten, Einsichten und sogar der faktischen Realität widerspricht. Was uns nervt, ärgert und beunruhigt, sickert allzu schnell in den Hintergrund. Zurück in unserer Komfortzone, nehmen wir die Störer und Warnsignale von gestern nicht mehr ernst. Kein Wunder, dass sich Unrecht veralltäglicht und Ohnmacht breit macht.
Auf medialer, politischer und unternehmerischer Ebene lässt sich das spielend aufzeigen: Nicht beim Überfall der USA auf Venezuela, nicht beim US-israelischen Krieg gegen den Iran, nicht beim Gaza-Krieg – nur bei Russlands Krieg gegen die Ukraine wird mit dem Begriff der Völkerrechtsverletzung operiert. Und genau hier legte gerade erst unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Finger in die Wunde. „Unsere Außenpolitik wird nicht überzeugender, wenn wir Völkerrechtsbruch nicht Völkerrechtsbruch nennen.“ Dafür wurde er umgehend gescholten. Dabei hat er – hier schließen sich mein Identitätsstifterkollege Christoph Berdi und ich uns dem Kommentar der Berliner SZ-Korrespondentin Sina-Maria Schweikle an – „nur das getan, was seine Aufgabe als überparteiliche Instanz ist: ethischen Fragen der Politik nicht auszuweichen und sein stärkstes – und einziges Mittel zu nutzen: das gesprochene Wort“.
Und: Welche demokratischen Politikerinnen und Politiker thematisieren ernsthaft nach der Landtagstagwahl in Rheinland-Pfalz, dass die AfD dort die eigentliche Wahlsiegerin ist: Sie hat die meisten Zugewinne und das höchste Ergebnis in westdeutschen Landtagen erreicht, ist Siegerin in der jüngsten Wählerinnenkohorte und stellt mit Abstand die größte Opposition im rheinland-pfälzischen Landtag. Laut Prognosen zur Landtagswahl im September in Sachsen-Anhalt stellt sie dort sogar die Regierung. Die politische Reaktion darauf gleicht leider nur dem Pfeifen im Walde.
In wie vielen Unternehmen sind Diversitäts- und Nachhaltigkeitsinitiativen sang- und klanglos eingemottet worden, seit Trump und Konsorten und in ihrem Kielwasser viele andere extrem rechte Politiker*innen sowie selbst die EU und die Bundesregierung zum Rückzug geblasen haben? Hier zeigt sich, wer Rückgrat hat und Zukunft gestalten will, wer seinen Werten treu bleibt. Und wer stattdessen froh ist, all diesen „Kram“ wieder einzupacken, sich die Überzeugungs- und Konzeptarbeit spart und lieber den Weg des geringsten Widerstands geht.
Klartext reden – das ist das normative, nachahmenswerte Ideal in Politik, in den Medien, in den Unternehmen, in der Gesellschaft. Nachvollziehbar begründet – das ist es, was Bewegung entfaltet und Vertrauen wie Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen schafft.
Erstveröffentlichung am 1. April 2026 im Newsletter #3 „Identität und Resonanz“ auf www.identitätsstifter.com