Sie musste es tun, endlich tun: Einmal in ihrem Leben auf dieser steinernen Bank sitzen, umrahmt von zwei Säulen, verweilen und diesen Blick genießen: Auf den schneebedeckten Etna und das scheinbar unendliche Meer.
"In einem Garten. Taormina. Sizilien" stand auf der Postkarte, die sie seit ihrer Jugend in der Handtasche trug.
"Lass uns zur Silberhochzeit nach Taormina reisen", hatte sie zu ihrem Mann gesagt, doch der winkte ab. So fuhr sie allein. Kaum hatte sie ihr Zimmer in einem kleinen Hotel im Herzen Taorminas bezogen, begab sie sich auch schon auf die Suche nach dieser Bank, diesem Blick.
Sie fragte jeden: Den Hotelbesitzer, die Postkartenverkäufer, im Ristorante, im Alimentari-Laden, in der Kirche und im Botanischen Garten, bis sie nach Tagen einen Tipp bekam: "Ich kenne einen alten Mann, der seiner Zeit Gärtner war, der weiß es bestimmt." So wartete sie in seinem Stammcafé am Corso Umberto. "Ja, ich kenne diese Bank, aber ..." Die Frau war so begeistert, dass sie zuerst gar nicht hörte, was er noch sagte: "... da werden Sie nie reinkommen. Privatbesitz." Junge Taorminesen, die das Gespräch verfolgt hatten, fuhren sie zur Villa.
Sie klingelt. Der Diener des Hauses öffnet missmutig, hatte sie doch unglücklicherweise die Alarmanlage ausgelöst. Per Postkarte weist sie sich aus und trägt ihren Herzenswunsch vor. Als der Diener die Tür unwiderruflich schließen will, fleht sie: "Prego. Bitte, nur für eine Sekunde." Un secondo? Da packt der Diener die Frau, zerrt sie durchs Haus in den Garten zu der Bank, und eh sie sich versieht, steht sie wieder auf der Straße.
Jetzt sitzt sie täglich dort. Vor ihrer Bank, ihrem Blick: festgehalten in Pastell.
Gefunden in Deutschland bei einem über achtzigjährigen Schauspieler, der Herbst für Herbst in Taormina malt.
Der Titel einer neuen Postkarte könnte lauten: "In einem Wohnzimmer. München. Deutschland".