von Jill Dorn
... „das wäre fatal.“
Fatal, das war’s. Der Auslöser. Es wäre fatal, an mich zu denken. So sagte er. Genauso drückte er sich aus.
Und umgehend, nein später, als ich mich entspannen möchte und Mittagsschlaf halten, tauchst du auf und sitzt da auf deiner Stufe in deinem Kinderzimmer. Bewegungslos. Erstarrt. Die Ohren gespitzt, aber unfähig, dich zu rühren.
Wie lange sitzt du da schon?
Du hörst nur Bruchstücke. Du kannst dich nicht entscheiden, wohin du deine Ohren ausrichten sollst: hin zur Wand, die dich von deiner Mutter trennt oder doch hin zum Fenster; es ist offen, ihr Fenster ist es auch. Der Block hört eh mit.
Mit wem spricht sie? Warum schreit sie? Weint sie? Schluchzt sie? Telefoniert sie mit der Telefonseelsorge, mit Großmutter, mit einer Freundin? Mit wem?
Krampfhaft versuchst du dich zu erinnern, was du angestellt haben könntest, dass es ihr geht, wie es ihr geht.
Dir will einfach nichts einfallen. Nachdenken fällt schwer. Dich in sie eindenken noch schwerer. Du verstehst sie nicht. Es tut eh nur weh. Alles tut so weh. Wehe, wenn sie jetzt springt! Ist das möglich? Noch mehr die Ohren spitzen! Streng dich an! Verhindern, was passieren könnte.
Wie oft, du kannst es nicht zählen, hast du es dir genau angeschaut, wenn du morgens vor der Schule schnell hingelaufen bist zum Fenster ihres Schlafzimmers. Da hast du eben nicht nur auf die Temperatur des Außenthermometers geachtet, sondern hast auch versucht, abzuschätzen, ob sie den Aufschlag auf den Steinen des Gartens überleben würde. Wenn sie kopfüber...: auf keinen Fall. Wenn sie zuerst mit den Beinen... – vermutlich schon. Wenn sie sich mit ihrem ganzen Körper schmeißt – sicher auch nicht.
Was Sicherheit gibt, ist die klare Abmachung, ab welcher Temperatur du endlich mit Kniestrümpfen zur Schule gehen darfst. Darauf ist Verlass – auch, wenn es doof ist. Du trägst nämlich verdammt gerne Kniestrümpfe und hasst Strumpfhosen! Die kratzen unerträglich. Aber damit kannst du dich einfach nicht durchsetzen. Sie sagt, du würdest sicher krank werden. Das glaubst du hingegen nicht.
Sie telefoniert immer noch. Sie ist laut. Ich hasse es, wie sie ihre Nase putzt! Unerträglich dieses irre Posaunen und du weißt schon jetzt, wie ihr verquollenes, geschwollenes Gesicht aussieht, wenn du sie überhaupt heute noch zu Gesicht bekommst. Vielleicht verlässt sie ja nicht das Zimmer, und du musst mit deinen Geschwistern und deinem Vater Abendessen richten. Jetzt bekommt sie ihre entsetzlichen Nießanfälle. Und diese Klage! Beklagt sie sich über mich?
Auf der einen Seite musst du hinhören, genau hinhören, und gleichzeitig willst du nur weghören. Aber du könntest sie verpassen. Es verpassen – den Moment. Erst gestern Abend hat sie doch noch mit der Telefonseelsorge telefoniert!
Oder einfach Musik hören? Aber es ist Mittagszeit. Verboten. Zwischen eins und drei. Ihr wird übel so oder so, wenn du Musik hörst! Ob nun verboten oder nicht, das macht keinen Unterschied. Warum wird ihr schlecht, wenn du das tust, was dich freut, was du gerne tust? Das verstehst du nicht.
Du brauchst dringend Kopfhörer. Du wirst Kopfhörer auf die Wunschliste zu Weihnachten setzen. Aber Heiligabend ist noch so verdammt weit weg – dein Geburtstag noch weiter weg. Macht auch nix, denn da bekommst du eh nur ‚praktische‘ Geschenke: Unterwäsche. Handschuhe. Sicher ein Buch noch dazu. Und kalte Hundeschnauze. Ja, das immer.
Das hältst du bis dahin nicht aus. Da muss was passieren! Du denkst dir bereits aus, wie du deinen Plattenspieler umstellen könntest, damit du auf dieser Stufe sitzen kannst und die Kopfhörerschnur noch hinreicht zu dir...
Noch immer sitzt du dort und denkst und denkst und denkst. Was sollst du nur tun? Wann hört sie endlich auf? Was hast du bloß gemacht, dass es ihr so geht?
Hören die Nachbarn sie nicht auch? Warum kommt niemand klingeln? Die Schelle ist abgestellt. Mittagspause. Mist. Aber es kommt eh keiner. Ist noch nie jemand gekommen.
Also, streng dich an! Beweg dich! Leg dich auf dein Bett und horch näher an der Wand, was sie sagt! Wenn es um dich geht, kannst du dich ja entschuldigen bei ihr – nach der Mittagspause. Und versprechen, dass du es nie wieder tust! Warum verzweifelt sie nur so an uns? Was ist denn an uns? Das willst du wissen! Das musst du wissen, sonst wäre sie nicht so. Du willst unbedingt verstehen und weißt noch nicht, dass es da nichts in diesem Sinne zu verstehen gibt. Also, du hast dich bisher einfach nicht genug angestrengt. Du musst dir noch mehr Mühe geben. Daran wird es liegen. Besser geht immer. Und wie sagt sie selbst: Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser. Hör hin! Vielleicht entdeckst du eine Spur, was du verbrochen hast, was dieses Schreien, Weinen, Schluchzen verdient.
Oh, lieber, lieber Gott, bitte mach, dass es aufhört, dass sie aufhört! Aber lass sie nicht nur ihre Tabletten nehmen. Dann ist sie immer so komisch. Das magst du nicht. Das mag ich auch nicht.
Es tut so weh zuzuhören. Du verstehst nicht genug! Wie lange telefoniert sie denn schon? Komisch, du musst, wie deine Geschwister eure Telefoneinheiten beim Telefonieren in eine Liste eintragen, sie tut’s nicht! Erwachsene sind unfair. Ihre Regeln gemein.
Warst du gemein zu ihr? Es lässt dich nicht los. Und du stellst fest, du hockst da immer noch auf deiner Stufe neben deinem Waschbecken und rührst dich nicht. Was hast du bloß gemacht, dass fatale Folgen folgen könnten?
Du verstehst es nicht. Sie nicht. Du magst sie nicht riechen, was dich zutiefst irritiert. Mit dir stimmt da was nicht! Das muss doch anders sein. Aber du kannst es immer noch nicht riechen. Das darf nicht sein. Also bist du doch schuld. Zumindest trägst du eine Mitschuld! Schuldig geworden – etwas für die nächste Beichte. Aber, wie darüber sprechen? Nein, wie soll das gehen? So etwas tut man nicht! Erklären kannst du’s nicht. Schlecht reden über die Mutter geht gar nicht. Der Pfarrer hat sie sowieso gesehen in der Kirche, wie sie mit ihren verquollenen Augen und gesenkten Kopfes den langen Gang zur Kommunion geschlichen ist, wie eine gebrochene Frau – und nicht nur der Pfarrer hat’s gesehen! Alle haben’s gesehen. Alle sollten es sehen! Manche weggesehen! Vati hat’s nicht gesehen! Wie auch! Er drückt sich höchstens abends kurz vor Schluss noch in die Abendmesse und ist nie mit dabei beim Hochamt um 10 Uhr oder zur 11:30-Uhr-Messe. Er sollte es verdammt nochmal sehen!
Jetzt ist es still. Aufgelegt. Mucksmäuschenstill. Jetzt erst recht hinhören! Was tut sie? Tablettenschrank öffnen? Tägliche Dosis oder doch mehr? Fenster weit öffnen?
Noch eine Stunde bis zum Ende der Mittagspause. Von wegen Schlaf!
Gedulde dich. Nimm deine Uhr! Hausaufgaben? Schon gemacht in der Schule. Lernen, für was? Rausgehen – keine Chance. Erstens darfst du das nicht vor halb vier. Und zweitens kannst du dich immer noch nicht bewegen. Es gelingt einfach nicht. Wo bist du? Keine Ahnung. Die Luft riecht lecker nach Sommer. Da draußen. Die Tauben gurren. Vereinzelt singt ein Vogel dann und wann. Du hörst den einen Kirchturmglockenschlag: also nun viertel nach zwei. Noch mindestens 45 Minuten bis drei.
Wann hört das endlich auf? Wann hört sie endlich damit auf? So darfst du nicht denken, dann macht sie noch mehr. Und du bist schuld daran! Das kannst du nicht wollen. Das überlebst du nicht. Das überlebt sie nicht! Du schaust nachher nach ihr. Du wirst dich trauen, sachte an ihre Türe zu klopfen. Alles wird gut gehen. Alles gut. Es wird gut gehen.
Du musst dich einfach noch mehr anstrengen mit dem Rücksichtnehmen. Die Arme. Bisher ist ja nichts wirklich passiert.
Das sind Erwachsenengespräche am Telefon. Selbst schuld, wenn du zuhörst.
Nachher, nachher kletterst du auf deinen Baum, und dann ist gut. Vorerst.
Warum hast du ihr nie erzählt, dass du da sitzt und dich nicht bewegen kannst? Oder hast du? Eher nicht.
Warum hat sie dich vergessen? Sie wusste doch, dass du gleich nebenan in deinem Zimmer bist! Warum hat sie dich bloß vergessen...
22. April 2022