Mir hat man im Laufe der Jahre die unterschiedlichsten Spitznamen gegeben, manche gar verpasst. Ich werde sie gewiss hier nicht ausplaudern. Aber von einem will ich doch erzählen. Die, die mich kennen, werden jetzt schon grinsen. Die, die mich nicht kennen, werden erst zögernd begreifen, wovon ich rede.

Darf ich vorstellen: Ich bin die Zwiebel.

Und das hat aber auch nicht im Geringsten etwas mit meinen kulinarischen Vorlieben zu tun. Der Knoblauch wäre da wohlangebrachter.

Im Sommer werde ich selten so genannt. Im Herbst erinnern sich die Leute dann wieder. Aber spätestens im Winter ist es dann so weit: Der Name kommt voll zum Tragen, - im wahrsten Sinne des Wortes:

Unterwäsche, Strümpfe, mitunter auch zwei Paar, ein T-Shirt, ein Hemd, eine Strumpfhose, dann die Hose, der Pullover, der zweite, der dritte, manchmal auch ein vierter, die Jacke oder der Mantel, Mütze, Schal, meist einer aus Seide, der andere aus Wolle, vielleicht noch Stulpen, Handschuhe, die Schuhe. Persönlicher Rekord: 17 Häute. Und damit keine Missverständnisse entstehen: Ich lebe in Europa, genauer in Deutschland.

Was wäre der Koch ohne die Zwiebel, die Filmindustrie ohne die Zwiebel, die Ohrenschmerzen ohne die Zwiebel?

Eines der schönsten Liebesgedichte Pablo Nerudas ist seine "Ode an die Zwiebel".

Der Volksmund sagt, die Zwiebel habe sieben Häute:
Die erste: Du liebst mich
Die zweite: von Herzen
Die dritte: mit Schmerzen
Die vierte: über alle Maßen
Die fünfte: kannst es nicht lassen
Die sechste: klein wenig
Die siebte: gar nicht.

Ich weiß nur: Seitdem ich dich kenne und dich hin und wieder liebe, kann ich mich immer weiter entzwiebeln, ohne zu frieren.