Das Telefon klingelt. Mitten in der Ar­beit. Ich sitze an meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer. Joint Office mit meinem Kollegen. Der Anruf passt gerade gar nicht, warum ihn nicht auf dem Anrufbeantworter landen lassen? Unsere Auftraggeber wählen gewöhnlich eh unsere Handynummern. Aber Christoph steht gerade und reicht mir das schnurlose Festnetztelefon: „Ulrich ruft an.“ Das klingt alarmierend. Auch ich lese „Ulrich“ auf dem Display. Das ist für einen späten Dienstagvormittag ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich. Außergewöhnlich. Diese Sekun­den reichen nicht, um auf das vorbereitet zu sein, was ich nun am anderen Ende der Lei­tung höre. Man ist auf solche Momente nie vorbereitet und hört Sätze, die sonst nie gesagt werden würden. 

Es ist Catherine, meine Schwägerin. „Ich habe eine sehr schlechte Nachricht“... so oder ähnlich ist ihr erster Satz. Ich erin­nere ihn nicht. Aber an den zweiten, den unwiderruflichen schon: „Ulrich ist tot.“ Man fand ihn in seinem Bett. Auf seiner Dienstreise für das Hilfswerk Misereor. In Merauke, Westpapua, Indonesien. 

„Nein! Nein! Nein!“ Ich weiß nicht, wie oft ich dieses eine Wort wiederhole und in das stille Gesicht meines besten Freundes schaue, so, als ob er bereits etwas weiß, von dem ich keine Ahnung haben kann, was es bedeutet. Ich höre nur Catherines Worte: „Das hilft mir jetzt gar nichts.“ Da bin ich wieder. Nur für Sekunden. Zurück in den Kon­takt. „Es tut mir leid, dass ich gerade nicht hilfreich bin“, hör‘ ich mich wiederum sagen. Danach höre ich nichts mehr, kann mich jedenfalls nicht erinnern. Nur an den Schmerz und das Gefühl, das sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich auflegen zu können. Es ist der 19. Februar 2019.

Schreibtisch. Telefon. Internet. WhatsApp. YouTube. Mail. All diese Plattformen, diese Medien bekommen in der folgenden Zeit eine andere Bedeutung. Worte und Bilder schierer Belanglosigkeit wie tiefer Relevanz, des Trostes und – ja, der Mystik.

Lange, bevor du am Frankfurter Flughafen landest, und überführt wirst nach Aachen. Lange, bevor wir am Karnevalsdienstag des 5. März 2019, von dir Abschied nehmen können. Im Beisein eines aktuellen Fotos, das dich schelmisch lachend und mit offenen Armen herzlichst einladend zeigt – im Türrahmen zwischen Küche und Wohnzimmer in deinem Haus. Wer dich kennt, weiß sofort, was ebenso ein paar Sekunden vorher passiert ist: Du hast das Glöckchen geläutet. Zu Weihnachten. Das Glöckchen unserer Kind­heit, mit dem du – wie unser Vater – jedes Jahr fortgesetzt deinen gerade einmal er­wachsenen Töchtern Sabrina und Kim signali­sierst, dass es Zeit ist, die Weihnachts­geschichte zu lesen, begleitet von deinen Worten: „Habt ihr das auch gehört? Also ich glaube, das Christkind hat geklingelt. Wol­len wir gemeinsam schauen, was es uns be­schert hat?“

Die Zeit zwischen Todesnachricht und „Auf­erstehungsmesse“, so steht es auf der An­zeige, schlägt mir auf die Bronchien, zeit­verzögert. Schließlich gilt es Catherine und den Zwillingen möglichst viel abzunehmen. Adresslisten zusammenstellen, Verwandte in­formieren, Fürbitten aufteilen und formu­lieren. So oft lese ich „Ulrich“ auf dem Display, aber glücklicherweise wechselt es sich ab mit Sprachnachrichten in der neu eingerichteten Familiengruppe auf WhatsApp. Tagtäglich neue, sich widersprechende Mel­dungen, wann der Sarg landet – endlich in Deutschland, wann es so weit ist, zu begrei­fen, was unfassbar ist. 

Du bist für immer gegangen. Warum heißt das bloß so – gegangen? Durchschreiten wir die Schwelle zwischen Leben und Tod oder zwi­schen Leben auf Erden und Leben bei Gott? Vielleicht bist Du ja geschwebt. Oder Du hast sogar davon geträumt? Wohlmöglich bist Du aber auch geflogen – wie ein Falke oder wie ein Kolibri? Vielleicht sogar geflohen? Aber falls - vor was? Bist Du gewandert oder ge­wandelt zwischen den Welten, und hast Dich dann für die andere als die unsere entschie­den? Kann das sein? Kann das wirklich mög­lich sein? Hat es Dich selbst überrascht? Oder hast Du gefühlt, die Zeit sei gekommen? Aber: die Zeit für was?

Ich höre, du hättest am Vorabend dein Lieb­lingsessen, unser aller Lieblingsessen mit Genuss verspeist: Rehrücken. Darin war sich unsere fünfköpfige Familie, als es sie noch gab, uneingeschränkt einig. Jetzt sind wir zu zweit, Martin und ich. 

Die Überbringerin dieser tröstlichen Nach­richt ist Pupu, deine junge Dolmetscherin. Sie weicht nicht von deiner Seite. Von Hotel zum Krankenhaus, von Totenmesse in Merauke bis nach Bali. Tage über Tage am Flughafen der Hauptstadt der zu Indonesien gehörenden Insel Denpasar. ... eine ungewöhnliche Si­tuation, mein geografisches Wissen zu er­weitern. 

Pupu mit dir irgendwann über den Wolken nach Frankfurt und weiter nach Aachen. Indigene ihres Glaubens begleiten einen Menschen, ge­rade eben einen verstorbenen Menschen so lange, bis er seiner Familie übergeben wer­den kann und seine letzte Ruhe findet. 

Man fand dich - wie schlafend. Auf den Fo­tos, mit denen Pupu uns versorgt, wirkst Du so friedlich. Still. Losgelassen. Ja, darf ich das sagen? – Entspannt. Auch Filmchen sind dabei. Wie du ein paar Tage zuvor, ge­schickt einen lebenden Hahn entgegennimmst – als Gastgeschenk. Wie du gedankenverloren zur Musik im Auto den Takt trommelst. Und immer wieder höre ich dich wie sagen, dass du in Asien deinen Lebensabend verbringen möchtest. Auf diesem Kontinent der Armut und des reichen Gottverstands mit seiner Viel­falt an Religionen... das ist dir gelungen. Darf ich auch das sagen?

Immer wieder sitze ich auf diesem Stuhl. An meinem Schreibtisch. An unseres Vaters Schreibtisch. Ich hab‘ ihn dir nie zeigen können, wie er jetzt aussieht: mit seiner abgeschliffenen Platte, die Freundin Konni mit Tafelfarbe bestrich, um auf ihr mit Kreide zu schreiben, zu malen. Schreiben und reden fällt schwer. Ich recherchiere wie blöde. Suche nach Antworten im Netz, die dort nicht sind. Das weiß natürlich etwas in mir, aber vielleicht ist etwas über die Um­stände zu finden. Herzinfarkt liegt nahe. Vergiftung als Todesursache steht im Raum... Ich entdecke unsägliche Bilder, die zeigen, wie man dich leblos lieblos auf einen Stuhl setzt in deinem Sarong, wie deine nackten Füße aus dem Auto schauen, in das man dich verfrachtete auf dem Weg in die Forensik, falls es dort überhaupt so heißt. Auf Youtube diese schreckliche Pressekonferenz des mit Orden aufgemotzten Generals, der deinen Personalausweis unentwegt in die Ka­mera hält und immer wieder von „Josef“, dei­nem zweiten Vornamen spricht. Es ist das einzige Wort, das ich verstehe; die engli­sche Übersetzung bringt erwartungsgemäß keinen Aufschluss. Nur unhaltbare Wut. 

Überhaupt ist diese Spannung zwischen Ferne und Nähe, dieser Streit zwischen Unbegreif­lichkeit und weiteren Filmchen kaum für wahrzuhalten: du im offenen Sarg, umringt von deinen Kollegen und Ordensschwestern, die dir und für dich so wunderbar singen. 

Dein Tod ist so verdammt früh und so weit weg. War er auch viel zu früh für dich? Fühltest du dich einsam – fern von deiner Familie, deiner Heimat? Oder begleitet, vielleicht sogar geleitet? Im Psalm 23 heißt es, „der Herr ist mein Hirte...“ Gab es ihn, den Hirten an deiner Seite? Wurdest du empfangen? Sicher. Aber: Von wem?

Kinder lassen keine Ruhe, bis sie endlich Antwort finden. Werden wir zu Kindern – im Angesicht des Abschieds für immer? Haben wir verlernt Fragen zuzulassen, auf die es keine klare Antwort gibt? Tut es zu weh? Und im­mer, immer wieder erneut die Hoffnung, du könntest antworten. 

Aber vielleicht antwortest Du ja... mit dem unaufhörlich wiederkehrenden Besuch eines Buntspechts am Morgen. Auf Wanderwegen mit Zeichen am Wegesrand. Mit einem Besuch im Traum. Im langgesuchten Foto, das plötzlich einfach da ist. Oder auch: Man schlägt ein Buch auf und da sind sie, die Zeilen, die es braucht – von Dir. Man hört ein Lied, ent­deckt ein Gedicht oder liest dieses eine Ge­bet, und da sind sie die Zeilen eines Grußes von Dir. Nicht zu vergessen, die selbstver­ständlich – wie für meine Schwägerin frei­gehaltenen – Parkplätze in der überfüllten Innenstadt. Kann das sein? Kann das wirklich sein? 

Selbstverständlich sitze ich immer wieder an meinem Schreibtisch, aber weniger, um zu ar­beiten. Wie anders war die Welt deiner Ar­beit. Über 30 Jahre hast du dich über Mise­reor für Gerechtigkeit und Frieden einge­setzt. Immer wieder wurdest du „mit men­schenunwürdigem Unrecht und Gewalt konfron­tiert“. Ob in Vietnam oder Kambodscha, in Indien oder Indonesien, überall allgegen­wärtig „Narben von Gewalt und Krieg“, wie du selbst schreibst. Und du standst am Strand bei Batticaloa im Osten Sri Lankas „vor Kleidungsstücken und den Resten von Weih­nachtsbeleuchtung im Sand“ und sahst „die Tränen eines Familienvaters, der Frau und Tochter am zweiten Weihnachtstag des Vor­jahres durch den Tsunami verloren hatte.“ 

All diese Zeilen und noch mehr finde ich im Netz. Es sind die Auszüge deines Buchbei­trags, den du anlässlich des 90. Geburtsta­ges deines theologischen Doktorvaters Johann Baptist Metz verfasst hast. Metz‘ Kerngedanke seiner „Memoria Passionis“, das Gedächtnis des Leidens, wurde zu deinem Leitfaden christlichen und persönlichen En­gagements: Vergangenes Leid dürfe „nicht zu einer Quelle weiterer Verzweiflung oder Ver­tröstung“ führen, sondern solle als „gefähr­liche Erinnerung Energie für Veränderung und Hoffnung wider alle Hoffnung“ wach gehalten werden. Wog diese „gefährliche Erinnerung“ zu schwer auf deinem Herz? Warum hast du mit mir nie darüber gesprochen? 

Ich versuche, mich an Rilke zu halten und mich in Geduld zu üben gegen alles Ungelöste in meinem Herzen, „und die Fragen selbst liebzuhaben“. Und von wegen Wittgenstein, der meint, es gäbe neben fehlenden Antworten "allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische." 

Bevor du zu deiner letzten Dienstreise nach Indonesien aufgebrochen bist – Ende Januar 2019, formulierst du in Anlehnung an Hanns-Dieter Hüsch den Tagesimpuls, der an Rosen­montag auf der Website deiner Heimatgemeinde St. Gregorius veröffentlicht werden soll. Tatsächlich erscheinen deine Worte einen Tag vor deiner Auferstehungsmesse:

‚Alaaf!‘ heißt es heute hier in Aachen. ,Helau!‘ in meiner Heimat... und so stimme ich mich schon mal auf das österliche ,Hal­lelujah!‘ ein: vergnügt, erlöst, befreit.“

Für wen hast du diese Zeilen geschrieben? Wirklich für die Gemeinde? Oder vielmehr vorsorglich – als Trost für deine Liebsten? Immer wieder nehme ich mein schnurloses Te­lefon in die Hand. „Ulrichcatherine“ steht auf dem Display, wenn meine Schwägerin an­ruft. Wann ich den Eintrag änderte? Keine Ahnung, irgendwann dieses Jahr. Ich weiß nur: Deinen Namen kann ich nicht löschen.